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„Arbeiterprotest“ siegt über „Faschistischen Putsch“

 
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ReiBin
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BeitragVerfasst am: 20.02.2009, 17:34    Titel: „Arbeiterprotest“ siegt über „Faschistischen Putsch“ Antworten mit Zitat

„Arbeiterprotest“ siegt über „Faschistischen Putsch“

17.Juni: Schmerzliche Lehrstunde für Alt-Genossen in Strausberg


cw – Für das Thema erstaunlich gut gefüllt war der „Links Treff am Tor“ in Strausberg. Am Dienstag hatte als Veranstalter die Rosa-Luxemburg-Stiftung und ein nicht näher verifizierbarer Verein „für alternatives Denken“ zu einer Podiumsdiskussion „Der 17. Juni in Strausberg“ eingeladen. Gut 50 Bürger waren zur geschichtlichen Reminiszenz erschienen. Das ist immerhin beachtenswert, wird Strausberg doch von einer satten linken Mehrheit mit Hang zur ausgeprägten DDR-Nostalgie regiert. Allein vierzehn Stadtverordneten der LINKEN stehen gleichviel Fraktionen und Gruppierungen einschließlich der SPD gegenüber; da machen sich vier „überzählige“ Sitze für die CDU nicht mehr sonderlich bemerkbar.

Nun hatte vermutlich ja auch nicht die LINKE das fragliche Thema entdeckt, sondern sich vielmehr der von einem ehemaligen Streikführer angestoßenen aktuellen Diskussion gestellt, was aus den bereits angeführten Gründen schon beachtlich ist.
Heinz Grünhagen ist in Strausberg das letzte überlebende Mitglied der einstigen Streikführung. Einst selbst wegen seiner Teilnahme zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, fühlt sich Grünhagen seinen Kameraden aus den 53er Juni-Tagen besonders verpflichtet und kämpft seither unermüdlich gegen das „gewollte Vergessen“ an. Ein Gedenkstein mit den nachträglich erkämpften Namen der Beteiligten erinnert seither an den Streik in Strausberg. Doch dem schwer kranken 17er reicht das nicht aus. Jüngst forderte er die Fraktionen im Stadtrat auf, zumindest einen Teil der Hennickendorfer Chaussee in „Straße des 17.Juni“ umzubenennen. Begründung: In dieser Straße waren seinerzeit Schützenpanzer der Roten Armee aufgefahren, um die Streikenden zum Rückzug zu bewegen.

Soweit zum Hintergrund der eilends angesetzten Podiumsdiskussion, die allerdings weniger auf einem Podium denn in wenig einladenden Sesseln einer Ecke des Links-Treffs stattfand. Vielleicht war deswegen die Neigung, sich allzu genau mit den historischen Tatsachen zu befassen, nicht sehr ausgeprägt. Der Historiker Dr. Rolf Barthel gab in seinem einleitenden Statement wenig Neues von sich, nach dem er zuvor davor gewarnt hatte, hier „eine Diskussion um Straßenbenennungen“ vom Zaun zu brechen. Man wolle sich über den 17.Juni in Strausberg unterhalten und das „nicht ausweiten“. So war dann nach seinen Worten das Ereignis in „unserer Stadt“ eher von marginaler Bedeutung. Ohnehin hätte ja der amerikanische Sender RIAS die Mär vom Aufstand propagandistisch verbreitet, sonst wäre „auch hier vermutlich gar nichts passiert.“
Prof. Dr. Siegfried Prokop von der RL-Stiftung bemühte sich präziser um historische Details und brillierte stellenweise mit Interna aus Stalins Umgebung, die zumindest für Uneingeweihte sehr neu klangen. Letztlich verstieg er sich zu der doch etwas gewagten, weil historisch bisher noch nicht vernommenen These, Stalin habe in seinen letzten Tagen „quasi die Entstalinisierung selbst eingeleitet.“ Sattsam bekannt wurde Stalins Deutschland-Papier von 1952 gelobt, Adenauers „starre Haltung“ gegeißelt. Letztlich habe die UdSSR den 17.Juni selbst eingeleitet, um die DDR für zehn Milliarden an den Westen verkaufen zu können. Das erinnerte denn doch sehr an den Verräter-Vorwurf gegen Michael Gorbatschow.
Tapfer versuchte der dritte Mit-Diskutant, Dr. Reiner Schwarze von der SPD-Fraktion, Kontraste zu setzen und zitierte dabei mehrfach aus seiner beachtlichen Schrift zum 17.Juni in Strausberg. So widersprach er der Behauptung, lediglich Arbeiter der Bau-Union hätten sich dem Streik angeschlossen und verlas eine ganze Liste seinerzeit am Ausstand beteiligter Betriebe (was Prof. Prokop seinerseits veranlasste, eine Liste nicht beteiligter Betriebe zu verlesen). Allerdings entschuldigte sich Schwarze eher für seine „abweichende Meinung“ als dass er sie als berechtigte Korrektur einer „behaupteten Historie“ vortragen wollte.
Erst durch die anschließend folgende Diskussion mit einzelnen Besuchern traten bemerkenswerte Unterschiede in der Beurteilung des 17.Juni zutage, die anwesenden Alt-Kadern und DDR-Nostalgikern sicherlich Schmerzen bereiteten. Nachdem sich neben Anderen auch der anwesende Vorsitzende der Vereinigung 17.Juni zu Wort gemeldet und gefragt hatte, ob „hier nicht nur Teilwahrheiten zur Kenntnis gegeben worden seien um nach alter Gewohnheit unangenehme Wahrheiten umschiffen zu können,“ wurde die einschläfernd wirkende Verabreichung angeblich historischer Begebenheiten durch interessante Statements belebt. Endlich waren sich die Diskutanten darin einig, dass es sich nicht , wie von der SED immer wieder „fälschlich behauptet“ um einen „faschistischen Putsch“ gehandelt habe sondern damals vielmehr die „Arbeiter ihr in der Verfassung verankertes Recht auf Streik“ wahrgenommen hätten. Schließlich wäre die Normenerhöhung für die Arbeiter-Klasse eine „unerhörte Zumutung“ gewesen, auch wenn die Partei-Führung in Moskau „absichtlich die rechtzeitige Verbreitung von der Rücknahme der Normen-Erhöhung sabotiert hätte“ (Prokop).

Man konnte von dieser Runde sicherlich nicht eine Bewertung des 17.Juni 1953 als „Volksaufstand“ oder gar einen kritischen Blick auf die zweifellose historische Bedeutung für die folgenden Revolutionen in Ungarn, der CSSR und Polen erwarten (immerhin wurden diese Vorgänge erwähnt). Aber der Abschied der sich nach wie vor als DDR-Sozialisten verstehenden Historiker von dem wohl übelsten Propaganda-Vorwurf, es habe sich um einen „faschistischen Putsch“ gehandelt, war unter diesen Umständen ein bemerkenswerter Schritt. Zumal schließlich auch Prokop auf eine Frage einräumte, die Urteile gegen die Strausberger Streikführung wären unrechtmäßig gewesen.

18.02.2009

© Carl-Wolfgang Holzapfel, Wernshauser Str.21, 12249 Berlin, Tel.: 030-30207785, holzapfellyrag@aol.com
_________________
In der ehemaligen DDR 1961 bis 1964 Haft wegen so genannter fortgesetzter staatsgef�hrdender Propaganda und Hetze
(� 19 Abs. 1 Ziff. 2 StEG)
Wehrdienstverweigerer und von Anfang an Mitorganisator und Teilnehmer der Montagsdemos in Leipzig, mit denen die Macht des SED-Regimes gebrochen und der Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands freigek�mpft wurde.
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ReiBin
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BeitragVerfasst am: 20.02.2009, 17:42    Titel: Antworten mit Zitat

"Gerechter Arbeiterprotest"

Von Detlef Klementz

Strausberg (MOZ) Knapp zweieinhalb Stunden lang sind am Dienstag im Linkstreff Hintergründe der Ereignisse um den 17. Juni 1953 in der DDR und in Strausberg beleuchtet, Fragen gestellt und Antworten versucht worden. Eingeladen hatten die Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Verein für alternatives Denken. Gekommen waren vor allem Mitglieder und Sympathisanten der Linkspartei und der SPD, darunter Landtagsabgeordnete, Kreistagsabgeordnete und Stadtverordnete.

Wer zu spät kam, hatte Mühe, in den dicht gestellten Stuhlreihen noch einen freien Platz zu ergattern. Das Interesse war groß. Schließlich ist das Thema "in letzter Zeit hochgekocht worden", wie Dieter Schäfer in seiner Einführung formulierte. Er verwies auf unterschiedliche Positionen und benannte das Ziel der Podiumsdiskussion: "Die historischen Ereignisse sollen sachlich darstellt werden."

Heimathistoriker Dr. Rolf Barthel vom Verein Akantus beleuchtete das Kapitel Straßenumbenennungen. Anstoß zu dem kontrovers debattierten Thema habe Heinz Grünhagen (75) gegeben, der 1953 dem Streikkomitee angehörte und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Barthel spannte den Bogen von Straßenbenennungen als Mittel der Orientierung bis hin zum Mittel der Propaganda. Er selbst machte aus seiner Ablehnung von Straßenbezeichnungen nach politischen Ereignissen, was ohnehin nur selten vorkomme, kein Hehl. Sehr wohl befürwortete Dr. Barthel aber eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen.

Faktenreich skizzierte der Historiker und Buchautor Prof. Dr. Siegfried Prokop die damaligen Machtverhältnisse und politischen Ränkespiele um den 16. und 17. Juni herum. Da war von "Kursänderungen bei der SED" und "Machtkämpfen in Moskau" die Rede. Konkret auf die Juni-Tage in der DDR bezogen, sprach er von einem "massenhaften sozial gerechten Arbeiterprotest".

Entgegen der mehrheitlichen Zustimmung reagierte Karl-Wolfgang Holzapfel von der Vereinigung 17. Juni 1953 mit Kritik auf die Ausführungen. Holzapfel, der in Vertretung des erkrankten Heinz Grünhagen gekommen war, sprach von "Halbwahrheiten" und wies die wiederholten Hinweise auf massive westliche Einmischung als falsch zurück.

Dem widersprach im Podium auch Dr. Reiner Schwarze, indem er feststellte: "Der Rias hat in Westberlin die Lunte gezündet." Aber natürlich habe es auch in Strausberg den 17. Juni gegeben, so Schwarze, der sich weniger als Historiker, sondern als Journalist im Jahre 2001 den Ereignissen um den 17. Juni in Strausberg genähert und für seinen "Versuch einer ." Zeitzeugen wie Heinz Grünhagen ausgiebig befragt hatte. Er erinnerte auf der Podiumsdiskussion an den Gedenkstein für die Opfer des 17. Juni an der Barnim-Kaserne, dem später die von "Heinz Grünhagen durchgesetzte Tafel mit den Namen der Mitglieder des Streikkomitees" folgte. Politische Ereignisse auf diese Weise zu fördern, findet Schwarze in Ordnung. Nicht aber, dafür eine Straße zu benennen. Manche meinten die Peter-*-Straße müsse weg, andere wollten eine Gartenschläger-Straße. Reiner Schwarze weiter: "Da bin ich genauso dagegen."

Befragt nach den Konsequenzen für die streikenden Arbeiter, nannte Schwarze Gefängnisstrafen von mehreren Monaten bis zu sieben Jahren. Die Opfer seien inzwischen alle alt, oft krank und hätten noch immer keine Entschädigung erhalten.

Wie es sich denn mit dem Streikrecht in der DDR verhielt, wollte eine Besucherin in dem Zusammenhang wissen. Das sei seinerzeit in der Verfassung verankert gewesen, antwortete Prof. Prokop und setzte hinzu, dass es falsch gewesen sei, die Streikführer zu kriminalisieren.

In der Debatte wurde unter anderem die Unzufriedenheit und nicht "die Hetze aus dem Westen" als maßgeblich für die Unruhen gewertet. Es fehlte aber auch der Hinweis nicht, dass es seinerzeit "viele gegeben hat, die für die DDR waren". Das dürfe nicht vergessen werden.

Donnerstag, 19. Februar 2009 (04:47)

Quelle:
http://www.moz.de/index.php/Moz/Article/category/Strausberg/id/266221

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In der ehemaligen DDR 1961 bis 1964 Haft wegen so genannter fortgesetzter staatsgef�hrdender Propaganda und Hetze
(� 19 Abs. 1 Ziff. 2 StEG)
Wehrdienstverweigerer und von Anfang an Mitorganisator und Teilnehmer der Montagsdemos in Leipzig, mit denen die Macht des SED-Regimes gebrochen und der Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands freigek�mpft wurde.
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