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Bericht eines Helden!

 
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BeitragVerfasst am: 20.06.2007, 09:29    Titel: Bericht eines Helden! Antworten mit Zitat

"Ein Koffer voller Blanko-Pässe"
http://www.spiegel.de/sptv/reportage/0,1518,149670,00.html
Burkhart Veigel war als Medizinstudent an der FU Berlin für das studentische Fluchthilfeunternehmen "Reisebüro" im Osten der Stadt unterwegs. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Schmuggelei von gefälschten Pässen, Fluchtwege durch die . und hilfsbereite Diplomaten.
SPIEGEL ONLINE: Herr Veigel, wie kamen Sie zu der vom SPIEGEL 1962 als Unternehmen Reisebüro bezeichneten Fluchthilfegruppe um Detlef Girrmann, Dieter Thieme und Bodo Köhler?
Veigel: Ich studierte seit dem Sommersemester 1961 Medizin an der Freien Universität. Bei Beginn des Mauerbaus am 13. August war ich allerdings gar nicht in der Stadt, sondern in Griechenland. Als ich von dort zurückkehrte war ich ganz unvermittelt mit der neuen Situation konfrontiert. Da ich weder Verwandte noch Bekannte im Osten hatte, war ich zwar persönlich nicht betroffen. Ein Kommilitone, der bereits in der Girrmann-Gruppe aktiv war, sprach mich jedoch an und fragte, ob ich mithelfen wollte. Da bin ich dann sofort eingestiegen.
SPIEGEL ONLINE: Das Fluchthilfeunternehmen wurde mit Beginn des Mauerbaus am 13. August gegründet. Welche Aufgabe hatten Sie innerhalb der Gruppe?
Veigel: Ich habe zunächst als so genannter Läufer gearbeitet, das heißt, die Flüchtlinge über die Abläufe der Aktionen informiert und ihnen die wichtigsten Instruktionen übermittelt. Als Westdeutscher konnte ich schnell und relativ problemlos in den Osten reisen.
SPIEGEL ONLINE: Viele der von Ihnen in den Westen geholten DDR-Bürger kamen mit einem gefälschten Pass nach West-Berlin. Wer kümmerte sich um den Transfer der Papiere?
Veigel: Das haben in erster Linie dafür engagierte Spezialisten sowie Diplomaten und deren Angestellte erledigt.


SPIEGEL ONLINE
"Hilfsbereitschaft im Ausland viel größer als in Deutschland"
SPIEGEL ONLINE: Wo kamen diese Pässe her?
Veigel: Girrmann, Thieme und Köhler wachten als Köpfe des Unternehmens über den Dokumenten-Fond. Die Pässe kamen vor allem aus dem europäischen Ausland, aus Belgien, der Schweiz, Dänemark und Schweden. Ich denke, wir haben mindestens 200 bis 300 Pässe aus den verschiedenen Ländern erhalten.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst auch Pässe besorgt?
Veigel: Sicher. Ich erinnere mich sehr gut an den 24. Dezember 1961, als ich allein nach Zürich geflogen bin, um mich mit dem Sohn eines damals hochrangigen Generals, Rolf Bracher, zu treffen. Bracher hatte hauptsächlich in der Schweiz Pässe organisiert und bereits während des Ungarn-Aufstandes 1956 Leute rübergeholt. Da er Jurastudent war, hat er vor allem bei seinen Kommilitonen Reisedokumente gesammelt.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß war denn die Bereitschaft, zu helfen?
Veigel: Die war im Ausland mit Sicherheit sehr viel größer, als in Deutschland. Sie müssen sich das mal vorstellen: Aus Belgien kam ein Mann mit einem ganzen Koffer voller Blanko-Pässe und dem Originalstempel seiner Heimat-Gemeinde angereist. Wir waren zwar längst in der Lage, Fotos auszutauschen und mit einem neuen Stempel zu versehen. In diesem Fall allerdings wurde uns die Arbeit sehr erleichtert - da hatten wir plötzlich völlig freie Hand. Was uns überrascht hat, war die Tatsache, dass hier dieselben Gruppen aktiv wurden, die Jahre zuvor bereits gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatten.
SPIEGEL ONLINE: Waren die deutschen Behörden über ihre Aktionen informiert?
Veigel: Nein, außer dem Verfassungsschutz und einigen Mitarbeitern der Polizei, wusste kaum jemand etwas. Die Menschen in Deutschland hatten auch große Angst davor, sich für unsere Sache einzusetzen. Sie wollten kein Aufsehen erregen, fürchteten Strafverfolgung auf Grund illegaler Projekte und wollten einfach schön angepasst weiterleben. Ich habe bei mehr als drei Dutzend Landratsämtern vorgesprochen, bevor ich das Glück hatte, auf einen stellvertretenden Landrat zu stoßen, der schon für Wilhelm Canaris, den Chef der Abwehrabteilung im Reichskriegsministerium, gearbeitet hatte - dieser Mann hatte kein Problem damit, um der Sache willen auch mal ein paar Pässe zu fälschen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen waren in Ihr Fluchhilfeprogramm involviert?
Veigel: Das ist schwer zu sagen, es gab außer mir noch sehr viele andere Läufer und eine Menge Helfer im Osten wie im Westen. Ich kann aber wohl sagen, dass ich einer der erfolgreichsten Schleuser war: Bis zum 6. Januar 1962, als neue Kontrollmaßnahmen an der Grenze eingeführt wurden, war ich fast täglich unterwegs und habe jedes Mal bis zu sechs Personen rübergeholt.
SPIEGEL ONLINE: Was waren die bevorzugten Arten der Flucht?
Veigel: Die meisten Menschen haben wir sicherlich mit falschen Pässen rübergebracht. Das war die erfolgreichste Variante, die über vier bis fünf Monate hervorragend funktionierte. Fluchtwege durch die . wurden meist innerhalb kürzester Zeit entdeckt - die waren häufig schon nach einer Woche tot, das heißt unbrauchbar, weil gefährlich. Ich habe mit Harry Seidel auch an dem Tunnel in der Kiefholzstraße nach Treptow gebaut - aber der Aufwand war für die Zahl der tatsächlich Geflüchteten meist zu hoch.
• Auch Grenzläufer Burkhart Veigel musste bisweilen vor unangenehmen Verfolgern flüchten. Im zweiten Teil des SPIEGEL ONLINE Interviews berichtet der Fluchthelfer über die Arbeit der DDR-Spitzel, Flüchtlinge im Armaturenbrett und seine zwiespältigen Gefühle bei Einsicht der Stasi-Akten. mehr...

INTERVIEW MIT FLUCHTHELFER VEIGEL, TEIL 2
"Ein Koffer voller Blanko-Pässe"
Auch Grenzläufer Burkhart Veigel musste bisweilen vor unangenehmen Verfolgern flüchten. Im zweiten Teil des SPIEGEL ONLINE Interviews berichtet der Fluchthelfer über die Arbeit der DDR-Spitzel, Flüchtlinge im Armaturenbrett und seine zwiespältigen Gefühle bei Einsicht der Stasi-Akten.
SPIEGEL ONLINE:
Wie kann man sich Ihre Grenzgänge vorstellen - wurden Sie beobachtet oder verfolgt?
Veigel: Ich wurde häufig verfolgt, hatte aber bereits Techniken entwickelt, mit denen ich die Verfolger erfolgreich abschütteln konnte. Man konnte mir nichts nachweisen. Nur wenn ein Spitzel direkt gegen mich ausgesagt hätte, wäre ich in einer unangenehmen Lage gewesen. Brenzlige Situationen haben wir im Vorfeld aber auch immer wieder durchgespielt und geprobt. Ein Problem waren die Daten, die man im Kopf haben musste - ich habe die Informationen zu den einzelnen Personen in verschlüsselter Form in mein Chemiebuch geschrieben.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen von irgendeiner Seite gedroht worden?
Veigel: Nein, der Rektor der FU und der Asta haben lediglich versucht, mich aus dem Studentendorf, in dem ich wohnte, auszuweisen. Es ist ihnen allerdings nicht gelungen. Die Politik hat an der Universität schon immer eine größere Rolle gespielt als die Wissenschaft.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich nach dem Fall der Mauer Ihre Stasi-Akten zeigen lassen. Was hat diese Rückschau aus der Perspektive des damaligen Gegenspielers bei Ihnen bewirkt?
Veigel: Das war ein erschütterndes Erlebnis. Zunächst hatte ich noch gedacht, man könne sich mit den ehemaligen Spionen der anderen Seite treffen, um sich auszutauschen. Nach der Akteneinsicht allerdings wurde mir klar, dass diese Schweine - womöglich allein um des persönlichen Vorteils willen - andere Menschen einfach ans Messer geliefert haben. Wer damals entdeckt wurde und in der Folge mehrere Jahre im Zuchthaus verbrachte, bekam nie wieder einen Job. Das ganze Leben, auch das der Familie, war zerstört.
SPIEGEL ONLINE: Auch Sie selbst hatten einmal Pech und sind einem Spitzel aufgesessen.
Veigel: Richtig. Dieser Spitzel* hat nach meinen Informationen insgesamt 24 Personen aufgedeckt. Zu meiner größten Befriedigung konnte ich allerdings in einer Stasi-Bilanz nachlesen, dass die Tätigkeit dieses Mannes zu lediglich sechs Verhaftungen geführt hat - alle anderen Verdächtigen konnten von uns gewarnt oder direkt rausgeholt werden.
SPIEGEL ONLINE: Welche Beziehung hatten Sie zu dem Tunnelbauer Hasso Herschel, dessen Fluchthilfe auf Grund der kommerziellen Nutzung seines Projekts für das amerikanische Fernsehen später in die Kritik geriet?
Veigel: Hasso Herschel habe ich erst 1963 kennen gelernt. Ich hatte einen Cadillac so umgebaut, dass man darin Flüchtlinge im Armaturenbrett unterbringen konnte. Leider ging mir kurz vor Ende des Umbaus das Geld aus. Hasso hatte wohl noch etwas Geld aus seinem eigenen Tunnelprojekt übrig und hat mir geholfen. Das war gut so, denn mit diesem Auto konnten wir rund 50 Leute vor allem über Ungarn, Bulgarien und Österreich nach Deutschland bringen.
SPIEGEL ONLINE: Können sie sich vorstellen, dass die Erfahrungen aus ihren Job von damals auch heute noch nützlich sein können?
Veigel: Aber sicher! Deshalb habe ich auch beschlossen, ein Buch zu schreiben und es ins Internet zu stellen, damit jeder von unseren Ideen von damals profitieren kann. Dabei geht es weniger darum, Wirtschaftsflüchtlinge in bestimmte Länder zu holen, sondern darum, aus humanitären Gründen zu helfen und dabei seine Kreativität walten zu lassen.
*Name ist der Redaktion bekannt
Das Interview führte Annette Langer
Soweit das Interview des Spiegels.
Hier ein Artikel des Dr. Veigel, den er zur Veröffentlichung in unser Forum genehmigt hat.
Dazu einige persönliche Worte von Dr. Veigel die er mir per E Mail diese Tage gesendet hat.
Zitat Anfang: klar, hauen wir in die selbe Kerbe, und das immer wieder, wie Gauck oder Knabe, vielleicht ändert sich mit der Zeit doch die Wahrnehmuung

Zitat Ende
Hier sein Artikel für unser Forum:

1. Ich bin ein Anhänger eines gewissen Naturrechts, vertrete also als oberstes Prinzip die Menschenrechte, nach dem Motto: Jedes Gesetz, jede Verordnung hat dem Menschen zu dienen, und nicht: Der Mensch hat sich irgendwie in ein bestehendes Rechtsgefüge einzupassen. D.h., ich meine, dass es ein Recht gibt, was ÜBER dem jeweils regional geltenden Recht steht. Wenn es also einen § 213 in der DDR gegeben hat, war der von Anfang an Unrecht, und wer das regionale Recht der DDR befolgt hat, hat damit eine strafbare Handlung begangen. Wenn ein Jurist, im engeren Sinn ein Richter, gesehen hat, dass das "Recht" der DDR Unrecht war, hätte er seinen Dienst quittieren müssen, so wie jeder Lehrer, der den in der DDR üblichen Unsinn in seine Schüler hineinpressen musste. Als Bauarbeiter oder in vielen anderen Tätigkeiten hätte er seine Arbeitskraft zum Wohle seiner Mitmenschen einsetzen können, nicht zum Wohle eines imaginären Sozialismus. Und wenn er nicht so konsequent war, dann muss er heute verurteilt werden. Er kann sich aber auf keinen Fall auf die damals geltenden Gesezte berufen, so wie das die Täter der 3. Reiches auch getan haben. Diese Gesetze waren von Anfang an Unrecht und waren deshalb nicht zu beachten. Genauso wie es rechtens gewesen wäre, * umzubringen: Gegen massives Unrecht wird auch ein Mord sanktioniert! (Es fragt sich nur, ab wann ein solcher Mord Recht gewesen
wäre: vor 1933, 1933, 1938, 1940, 1942, oder erst 1944?) Ich weiß, dass ich damit einer gewissen Rechtsunsicherheit Vorschub leiste.
Die ist aber nur heilsam und lebendig und lässt die Betroffenden nicht einschlafen.
Sie sehen, dass ich damit auch ein Rückwirkungsverbot umgangen habe, das immer angeführt wird, wenn man die armen Täter von damals schützen will.

2. Aus der aktuellen Hirnforschung ist absolut klar, dass es eine Freiheit der Persönlichkeit nur in sehr eingeschränktem Maß gibt. Man kann also einen Gesetzesübertreter nicht moralisch verurteilen, so wie man niemand moralisch abqualifizieren kann, der z.B. NICHT an einen Gott glaubt. Viele Juristen nehmen sich aber heraus, Täter moralisch zu verurteilen. Dies müsste einer rein zweckmäßigen Betrachtung weichen: Im Sinne eines gedeihlichen Zusammenlebens muss jemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden und z.B. ins Gefängnis gehen, aber nicht, weil er ein schlechter Mensch ist, sondern weil er damit vielleicht erzogen werden kann, oder weil das einfach vernünftig ist.

3. Ist unsere Justiz eine reine Täter-Justiz. Ich halte das von Anfang an für falsch: Wir müssten eine Opfer-Justiz haben: Der Täter hat zunächst mal alle Rechte verloren; seine Aufgabe in seinem weiteren Leben kann nur sein, das Opfer wieder dorthin zu bringen, wo es vor der Tat war. Wenn z.B. ein Computer-Hacker erwischt wird, muss er eben die 20 Millionen bezahlen, die die Beseitigung seines Virus weltweit gekostet hat, und da er das nicht kann, muss er eben für den Rest seines Lebens extrem billige Steinkohle fördern, eben gegen Kost und Logie bei einer 80-Stunden-Woche, wie ich sie seit 40 Jahren problemlos lebe. Oder Ihre Kläger und Richter müssten sich jetzt bei Ihnen erkundigen, wie sie Ihnen helfen könnten, Ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Und mindestens müssten sie auf alle Pensionen und andere Bezüge verzichten, die sie durch Arbeit in einer Diktatur erworben haben.


Ich kann das auch anders ausdrücken: Die meisten Fluchthelfer waren Mediziner; Juristen gab es schon, aber wenige. Auch die Geisteswissenschaftler, die sich damals wie heute als 68iger wohlfühlen, die waren eben auch sehr dünn gesät bei uns. Für mich war 68 die Katastrophe in der CSSR, nicht ein keifender Rudi Dutschke oder andere Ideologen.

Da passt sicher Vieles in Ihr Konzept. Sie können also mich und mein Forum gerne bei sich aufführen, allerdings mit einer Einschränkung: Sie wissen ja, dass ich über dieses Thema schreibe, und der Verlag verlangt, dass in dem Forum nichts Aktuelles steht (weil er das natürlich haben möchte). Deshalb wird das immer Schnee von gestern sein, was dort steht, und das wir sich auch bis 2009 nicht ändern (dann will ich mit meinem Buch fertig sein).

Ich habe auch mal in Ihr Forum reingeschaut, und ich finde es sehr gut!!!
Ich kann nur hoffen, dass es möglichst viele Leute lesen! Wenn ich mein Forum wieder mal bearbeite, werde ich gerne einen link zu Ihren reinstellen!
_________________
Widerstandskämpfer und politischer Gefangener der des SED Unrechtstaates 1974 /75 Schwarze Pumpe inhaftiert wegen § 213
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