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Beiträge: 192

BeitragVerfasst am: 18.04.2007, 14:25    Titel: Druck Antworten mit Zitat

Druck & Blog, 07.04.2007, 13:45 Uhr
DDR-Hinterlassenschaften


Lassen Sie mich heute mit einem Rückblick beginnen: Vor ziemlich genau 15 Jahren war ich Zeuge eines jener „Täter-Opfer-Gespräche", die damals nach Öffnung der Stasi-Akten vor allem von der evangelischen Kirche in Ostdeutschland veranstaltet wurden. Diese Gespräche sollten der Versöhnung dienen und früheren Funktionären wie inoffiziellen Mitarbeitern der DDR-Staatssicherheit Wege in eine demokratische Gesellschaft öffnen:

„Ich glaube, das Gespräch zwischen Opfern und Tätern ist vor allem für mich als Täter notwendig, denn man kann nicht dauerhaft mit dem Verschweigen einer Schuld leben."

Aber bei Opfern und Zuhörern hielt sich Misstrauen:

„Ich hatte an einer Stelle das Gefühl, dass er - ja, war es ein Stück Kokettieren damit, dass er sich offenbart? Dort hatte ich Schwierigkeiten, das ihm wirklich so hundertprozentig abzunehmen."

Diese Täter-Opfer-Gespräche verliefen bald wieder im Sande, aber - wir werden darauf kommen - sie spielen eine Rolle in einem neuen Buch, das der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Hubertus Knabe jüngst veröffentlicht hat: Die Täter sind unter uns heißt dieses Buch - es geht darin um das neue alte Selbstbewusstsein früherer SED-Funktionäre und Stasi-Offiziere, um DDR-Verklärung und um Schwächen des Rechtsstaats bei der Aufarbeitung von Unrechts-Tatbeständen. Dieses Buch soll uns heute beschäftigen.

DRUCK

Anlass und Ausgangspunkt des Buches ist jene zu trauriger Berühmtheit gelangte Podiumsdiskussion in Berlin-Hohenschönhausen im März des vergangenen Jahres: Da erhoben ehemalige Stasi-Offiziere Haupt und Stimme mit einer bis dato nicht gekannten Selbstgewissheit und leugneten, dass in der Haftanstalt Hohenschönhausen zu DDR-Zeiten Regime-Gegner eingesperrt wurden. Für den Direktor der heutigen Gedenkstätte ein Alarmsignal: Mit wachsender Aggressivität, so schreibt Hubertus Knabe, versuchten die alten Kader die, Zitat, „mehr als 40-jährige SED-Diktatur wieder hoffähig" zu machen. Dies sei vor allem deshalb bedrohlich, weil die einstigen Diener der Unterdrückung kräftig dabei seien, die Geschichtsschreibung in ihrem Sinne zu beeinflussen:
„Tatsächlich ist noch nicht entschieden, als was die DDR in die Geschichte eingehen wird. Während Täter, Mitläufer und wohlwollende Betrachter an Zustimmung gewinnen, befinden sich Opfer und Kritiker in der Defensive."

Aus dieser Defensive will Hubertus Knabe Kritiker und Opfer herausführen. Mit beeindruckender Materialfülle demonstriert er die durchaus flexible Beharrungsmacht der alten Apparatschiks, er zählt die Organisationen auf, in denen sie sich zusammengeschlossen haben, rekonstruiert deren politischen Einfluss, und er zeichnet die Kränkungen, Benachteiligungen, Zurücksetzungen derer nach, die Opfer des Regimes waren. Damit macht sich Knabe zum Anwalt - interessenlose Geschichtsschreibung ist sein Buch nicht, eher ein Plädoyer der Empörung, letztlich eine Anklage.
Für diese Anklage findet der Autor Material in Fülle. Nur ein Beispiel: Die zynische Verharmlosung des Schießbefehls an der Mauer durch den früheren DDR-Strafrechtler Erich Buchholz noch im vergangenen Jahr:
„Den Flüchtlingen wirft Buchholz vor, ihre Beschießung selbst veranlasst zu haben, da - Zitat - ´der Grenzverletzer bis zum Augenblick seiner Verletzung es stets selbst in der Hand hatte, die Verletzungsgefahr und erst recht die Lebensgefahr abzuwenden, indem er der Aufforderung der Grenzposten, stehen zu bleiben, Folge geleistet hätte´".

Zitat Ende. Anklage wird aber auch gegen die vermeintlichen Sieger erhoben. Hart geht Knabe mit der bundesdeutschen Justiz ins Gericht:
„Eine täterfreundliche Rechtsprechung und Gesetzgebung haben bewirkt, dass man in Deutschland eine höhere Rente bekommt, wenn man zehn Jahre im Zuchthaus Bautzen als Wärter Dienst tat, als wenn man dort zwanzig Jahre in Haft saß."

Fehler der Politik und die Rechtsprechung der Gerichte hätten zusammen wie eine gigantische Amnestie für die Verantwortlichen der SED-Diktatur gewirkt, lautet das Resumée.
„Ähnlich wie nach dem Ende des Nationalsozialismus versagte die Justiz, als es darum ging, die Täter eines Unrechtsstaates zur Rechenschaft zu ziehen. Sie ließ den größten Teil ihrer Verbrechen ungesühnt."

Den Vergleich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus bemüht Knabe des Öfteren, und er sieht hier eine Diskrepanz: Warum, so fragt er, darf man bei uns nicht mit einem Hakenkreuz auf dem T-Shirt herumlaufen, wohl aber mit Hammer und Sichel? Gerade die Aufarbeitung der *-Verbrechen habe die Deutschen eher blind gemacht für die Untaten anderer Regime. Das fehlende Unrechtsbewusstsein der meisten SED- und Stasi-Funktionäre rühre auch daher, dass ihre Taten vor der Folie des Nationalsozialismus als relativ harmlos eingestuft würden.

Soweit diese kurze Zusammenfassung des Buchs von Hubertus Knabe, eines westdeutschen Historikers, der in den 90er Jahren auch in der Forschungsabteilung der Gauck-Behörde gearbeitet hat. Dort war ebenfalls für kurze Zeit der ostdeutsche Historiker Stefan Wolle tätig, heute Leiter des „DDR-Museums Berlin". Mit ihm habe ich über das Buch von Hubertus Knabe gesprochen - was glaubt er: Wieviel DDR haben wir noch?
Der Historiker Stefan Wolle, Mitarbeiter im „Forschungsverbund SED-Staat" an der Freien Universität Berlin und Leiter des „DDR-Museums".

BLOG

Das Buch von Hubertus Knabe hat schon kurz nach Erscheinen eine Debatte im Netz ausgelöst - besonders im Meinungs-Blog des Berliner TAGESSPIEGEL wurden seine Thesen heftig diskutiert, hier vor allem die von der ungleichen Aufarbeitung des *- und des DDR-Regimes:
„Sätze wie 'Nur in Deutschland werden die beiden Spielarten totalitärer Herrschaft bis heute mit zweierlei Maß gemessen.', kann ich nicht so stehenlassen. Wenn Herr Knabe verlangt, beides nach dem gleichen Mass zu messen, betreibt er Geschichtsrevisionismus der übelsten Art und verharmlost die Nazidiktatur. Das ist nicht nur ein bisschen überzogen, sondern ein bodenloser Skandal."

Schreibt ein gewisser „Frank". Ihm antwortet „E. Renslit":
„Richtig, man kann nicht die DDR-Bürokraten-Diktatur mit der *-Diktatur vergleichen. Fakt ist aber, dass das Unrecht und damit auch die Toten und Opfer immer mehr vergessen werden und die Vergangenheit der DDR verklärt wird. Um hier einen Gegenpol zu bilden, überzieht eben Herr Knabe. Das hat er in gewisser Weise mit Biermann gemein. Und Recht haben die Beiden."

Im Ostalgie-Forum der Seite „Sultan-deluxe" wendet sich ein Diskutant gegen Pauschalverurteilungen:
Ein Kriminalbeamter hat auch im Dritten Reich Kapitalverbrechen aufgeklärt, so wie ein Polizist den Verkehr geregelt hat. Ein Zollbeamter war für Wareneinfuhr zuständig, und ein Wehrmachtsoldat musste dienen, wollte er nicht standrechtlich erschossen werden. (…)
Gleiches gilt auch für Vopo, NVA oder DDR Zoll. Sonst kannst du auch gleich behaupten dass jeder Bürger der DDR, der überhaupt zur Arbeit gegangen ist, damit unisono den Schießbefehl für gut befunden hat."

Auf der Seite „Achse des Guten" lobt Vera Lengsfeld das Buch von Hubertus Knabe:
„All die unermüdlichen Kämpfer gegen die historische Wahrheit wären noch viel erfolgreicher, wenn es Menschen wie Hubertus Knabe nicht gäbe."

Dagegen befindet im Ostalgie-Forum ein gewisser „rybaø Deško", der seinen Beitrag mit dem Gesicht eines Neandertalers ziert, lakonisch:
„Im Normalfall braucht der ehemalige DDR-Bürger keinen Schlauberger, der ihm sagt, wie er damals gelebt hat."

Und soviel für heute von DRUCK & BLOG - im Studio
verabschiedet sich Oliver Rehlinger.
_______________________________________________________________________Hubertus Knabe
Die Täter sind unter uns
Über das Schönreden der SED-Diktatur
Propyläen-Verlag
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War in der DDR politischer Gefangener
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